Einen Neuanfang zu wagen und sich auf neue Wege zu trauen, dazu gehört Mut. Aber wie viel Mut? Das hat uns die Bamberger Diplompsychologin Daniela Madjarić  im Interview verraten. Zudem erklärt sie, warum Scheitern dazu gehört und  warum aus Schicksalsschlägen Motivationsschübe werden können.

Wie mutig muss man für einen Neuanfang sein?
Es gehört Mut dazu, sich auf neue Wege zu trauen. Wie viel Mut? Das hängt davon ab, wie groß die Veränderung ist und ob sie eine Endgültigkeit beinhaltet. Angst oder Unsicherheit gehören dazu. Schließlich weiß ich ja nicht, ob es klappt, ob es besser wird, ob das wirklich zu mir passt und ob ich es schaffe.

Warum können viele Menschen den Mut nicht aufbringen, einen Neuanfang zu wagen?
Der Wunsch nach Kontrolle in einer in sich unsicheren und unkontrollierbaren Situation wird stark, ist aber nicht erfüllbar. Und wie komme ich jetzt klar mit meiner Unsicherheit und meiner Angst? Manche Menschen erinnern sich nicht aktiv daran, wie sie früher schon einmal neue Wege und Herausforderungen bestanden haben, doch wir alle haben das. Wir alle haben Bewältigungserfahrungen und Neuanfänge geschafft. Die Kindheit und Jugend, aber auch das Erwachsenenleben sind voll davon.  Angst haben ist nicht angenehm, aber auch nicht lebensbedrohlich. Es gehört zu unserem Leben dazu.

Was sollte man bei einem Neuanfang beachten?
Dafür gibt es sicher viele gute Ratschläge. Ich würde sagen, es ist gut, in sich hinein zu spüren und das Gefühl zu suchen, das mich auch früher gut bei wichtigen Entscheidungen beraten hat. Der Austausch mit anderen Menschen, die mich gut kennen und mir wohl gesonnen sind, kann helfen. Aber manchmal können viele Stimmen auch verwirren. Daher ist die eigene Stimme so wichtig. Wer könnte besser beurteilen, was für mich richtig oder stimmig ist als ich selbst? Manche Menschen, die in meine Praxis kommen, sagen mir, sie könnten die eigene Stimme nicht gut hören. Aber das ist wieder erlernbar. In die Stille oder in die Natur zu gehen, achtsam zu werden für meine Gefühle, ist ein gutes Hilfsmittel dafür.

Wie klappt ein Neuanfang?
Ich glaube, es ist wichtig, sich zu überlegen, welche Ziele verbinde ich mit dem Neuanfang, was zieht mich zur Veränderung. Manchmal will ich nur weg von dem, was ist. Das ist in Ordnung. Aber wohin und was verspreche ich mir davon? Dann habe ich bestimmte Ideen dazu und sehe einen Weg vor mir. Doch dann habe ich plötzlich Angst, dass ich das nicht schaffe. Was mir hilft, ist, einen Realitätscheck zu machen: Was will ich, was wünsche ich mir, was gibt es für Möglichkeiten und was riskiere ich wirklich? Manchmal fühlt sich eine Situation lebensbedrohlich an, obwohl sie es nicht ist. Man sollte sich fragen, was schlimmstenfalls passieren könnte und ob man das riskieren möchte und wofür? Das Wofür ist wichtig. Und:  Ich habe in meinem Leben schon viel gemeistert, wie ist mir das gelungen? Sich wieder erinnern, dass ich Herausforderungen bestanden habe. Und die Erkenntnis: Ja, ich habe Angst, aber ich bin mehr als meine Angst. Mir hat immer geholfen, dass ich mir selbst gut zugeredet habe und mir Verständnis statt Verurteilung entgegengebracht habe.

Darf man auch scheitern?
Scheitern gehört zum Leben dazu, warum sollte ich nicht scheitern dürfen? Ich kann doch nicht alles vorhersehen, manchmal schätze ich etwas falsch ein. Das passiert. Das ist keine angenehme Situation. Aber man muss sich nicht schlecht fühlen.

Auf deiner Homepage steht der Spruch „Es gehört oft mehr Mut dazu, seine Meinung zu ändern, als ihr treu zu bleiben“: Was willst du damit sagen?
Es gehört Mut dazu und es ist wichtig, seine Meinung zu ändern, wenn ich erkannt habe, dass sie nicht mehr passt. Ich will ermuntern, neue Wege zu gehen, Veränderung zu wagen. Bei einer Therapie geht es immer um Veränderung. Ich habe ja einen Grund, warum ich mir Veränderung wünsche.

Alleinerziehende Mutter, Abitur am Spätberufenenkolleg, Germanistikstudium, Inhaberin einer Eventmanagement-Firma, Psychologiestudium – ein beeindruckender Weg. Welche Rolle hat da Mut für dich gespielt?
Mein Mut, neue Wege zu gehen, hat eine große Rolle gespielt. Und auch mein Vertrauen darauf, dass es schon irgendwie weitergeht, auch wenn ich es nicht sehen kann. Das hat sich immer erfüllt.  Ich hatte immer wieder Situationen, in denen ich alles hinschmeißen wollte, manchmal habe ich es auch gemacht. Wenn ich an einem Punkt war, wo mir alles zu viel wurde, hat es mir geholfen zu sagen: „Okay, ich gehe jetzt den nächsten Schritt. Wenn ich es nicht schaffe, darf ich aufgeben, aber das nächste gehe ich noch an.“ So teilte sich der große Berg in kleine Schritte und die Erlaubnis aufzugeben, hat den Druck rausgenommen. Was mir persönlich auch sehr geholfen hat, ist die Prüfung meiner Prioritäten. Für die nahe Zukunft, für mein Leben – wo will ich meinen Schwerpunkt setzen? Ich bin vor zwei Jahren sehr krank geworden. Da ist mir klar geworden, dass meine Lebensfreude und meine Gesundheit mir viel wichtiger sind als meine Karriere, die vermeintliche finanzielle Sicherheit und die Erfüllung von Erwartungen, die andere an mich stellen. Diese Erkenntnis hat in den letzten Jahren eine große Veränderung bewirkt, die mein Leben sehr bereichert hat. So können Schicksals-schläge Motivationsschübe für eine wunderbare Veränderung sein. ❤