Gespülte Joghurt-Becher, alte Zeitungen, kaputte Haushaltsgeräte – was andere wegschmeißen, horten Messies in ihrer Wohnung. Über die verschiedenen Typen, Auslöser und Hilfsangebote hat LANDmadla mit Diplom-Sozialpädagogin Wibke Schmidt vom Landratsamt Würzburg – Gesundheitsamt gesprochen. Als Ansprechpartnerin rund um das Thema „Messie-Syndrom“ erreichen sie und ihre Kolleginnen immer wieder Beschwerden von Nachbarn und Vermietern und manchmal auch Hilfeanfragen von Betroffen.

Jeder von uns hat schon mal davon gehört, doch was versteht man genau unter dem Messie-Syndrom?

Abgeleitet von dem englischen Wort „mess“, was sich im Deutschen mit Unordnung beziehungsweise Chaos übersetzen lässt, werden jene Menschen Messie genannt, die ihren Lebensbereich drastisch einschränken, in dem sie ihre Wohnung mit Gegenständen vollräumen. Menschen, die an dem Messie-Syndrom leiden, haben schwerwiegende Defizite in der Fähigkeit, die eigene Wohnung ordentlich zu halten und anfallende Alltagsaufgaben zu organisieren. Die Amerikanerin Sandra Felton prägte den Begriff „Messies“ für Menschen, die an dieser Desorganisation bezogen auf Raum, Zeit und soziale Integration leiden.

Die Stadt Würzburg hat eine eigene Messie-Selbsthilfegruppe. Das heißt, der Bedarf ist da. Gibt es konkrete Zahlen, wie vielen Menschen in Deutschland von dem Messie-Syndrom betroffen sind?

Über die Häufigkeit des Messie-Syndroms gibt es keine verlässlichen Erhebungen. Schätzungen von Selbsthilfegruppen gehen davon aus, dass etwa 1,8 bis  2 Millionen Menschen in Deutschland an dem Messie-Syndrom leiden.

Und dennoch ist das „Messie-Syndrom“ nicht als Krankheit anerkannt?

Das Messie-Syndrom ist in der internationalen Klassifikation der Krankheiten (ICD-10) nicht als eigenständiges Krankheitsbild aufgeführt. Im amerikanischen Klassifikations­system DSM5 wurde das Pathologische Horten, im Englischen „Hoarding Disorder“ genannt, jedoch als eigene Diagnose aufgenommen.

Warum werden manche Menschen plötzlich zum Messie? Was sind Auslöser?

Das Messie-Syndrom kann in Folge einer psychiatrischen Erkrankung wie etwa einer Depression, Zwangserkrankung, Sucht oder Psychose auftreten. Sieht man von den genannten psychiatrischen Krankheitsbildern ab, kann sich eine Messie-Problematik auch als Folge eines Traumas – also einer seelischen Verwundung (Tod eines nahen Angehörigen, plötzliche Trennung, Scheidung) – entwickeln, das den Betroffenen aus der Bahn wirft.

Verdorbene Essensreste und bergeweise Müll machen die Wohnung zur Müllhalde – wir alle kennen solche Horrorbilder aus dem Fernsehen. Was gibt es für verschiedene Ausprägungen des Messie-Syndroms?

Insgesamt lassen sich drei unterschiedliche Ausprägungen unterscheiden. Zunächst gibt es Wohnungen, die nach einem stereotypen Ordnungsschema mit wertlosen Gegenständen überfüllt werden.  Dann gibt es wiederum Wohnungen, die überhaupt keine Ordnung mehr erkennen lassen. Die Wohnung der Betroffenen ist mit Müll überfrachtet, wobei die Bewohner nicht in der Lage sind, den angesammelten Unrat zu entsorgen. Die Benutzung wichtiger Gebrauchsgegenstände wie Herd und sanitäre Anlagen ist dadurch stark eingeschränkt. Zu guter Letzt gibt es noch jene Wohnungen, die völlig unbewohnbar geworden sind, da Einrichtungsgegenstände und sanitäre Anlagen nicht mehr funktionsfähig sind. Hier finden sich oft Essensreste und Exkremente im Wohnbereich.

Außer einen desolaten Wohnsituation – Was sind weiterführende Folgen des Messie-Syndroms?

Im Hinblick auf die genannte Desorganisation in Bezug auf Raum, Zeit und soziale Integration ist das größte praktische Problem von Messies die Unfähigkeit, ihren Alltag zu strukturieren. Menschen, die an dem Messie-Syndrom leiden, ziehen sich aufgrund ihrer desolaten Wohnsituation häufig zurück – leben aus Scham sozial isoliert. Das Familienleben und Partnerschaften sind großen Belastungen ausgesetzt.

Liegt das Messie-Syndrom einer psychiatrischen Erkrankung zugrunde, leiden die Betroffenen häufig unter Ängsten und innerer Anspannung. Nachdem die gesammelten und aufbewahrten Gegenstände für die Betroffenen einen hohen funktionalen und emotionalen Wert besitzen, führen von außen angesetzte Entmüllungsaktionen zu Panikreaktionen bei den Betroffenen. In der Folge – gerade wenn die Betroffenen nicht in der Lage sind, Hilfe in Anspruch zu nehmen – kommt es bei Vorliegen eines Mietverhältnisses häufig zur Kündigung der Wohnung.

Werden Sie häufig von Messies kontaktiert und um Hilfe gebeten?

Betroffene wenden sich in der Regel nicht an das Gesundheitsamt. Meist melden sich Dritte, Vermieter, Nachbarn etc., um auf die desolate Wohnsituation eines Betroffenen hinzuweisen und sich nach Hilfsmöglichkeiten zu erkundigen beziehungsweise das Gesundheitsamt zu bitten, entsprechend tätig zu werden.

Was können Betroffene tun?

Viele Betroffene lehnen Hilfsangebote zunächst ab und zeigen sich erst dann zugänglich, wenn bereits erhebliche Konsequenzen wie zum Beispiel eine Wohnungskündigung drohen. Sehr hilfreich kann eine psychotherapeutische Behandlung sein, in deren Rahmen die Ursachen und Gründe für die Messie-Problematik besprochen werden, verbunden mit dem Ziel, dass die Betroffenen ihren Alltag wieder eigenständig organisieren können.

Ist das Messie-Syndrom die Folge einer psychiatrischen Erkrankung, sollte neben der psychotherapeutischen Behandlung auch eine fachärztliche Behandlung beim Psychiater erfolgen. Zudem kann der Besuch einer Selbsthilfegruppe für die Betroffenen hilfreich sein.

Durch die Inanspruchnahme regionaler Fachdienste können Betroffene professionelle Unterstützung – abgestimmt auf ihre Lebenssituation – erhalten. Nachdem bei einer Messie-Problematik auch das soziale Umfeld (Lebenspartner und Angehörige) leidet, ist es wichtig, auch dieses durch die Vermittlung von Beratungsangeboten zu unterstützen.

Kontakt: Gesundheitsamt für Stadt und Landkreis Würzburg, Sozialpsychiatrischer Dienst, Tel. 0931/8003-650, E-Mail w.schmidt@lra-wue.bayern.de