Leider ist sie beinahe in Vergessenheit geraten: Die fränkische Tracht. Doch Designerin Sandra Scharf und Trachtenberaterin Birgit Jauernig wollen die Tracht zurück in die Zukunft holen. Ihr Zauberwort: Trachtenerneuerung.

Sexy ist so ein Drindl ja schon. Es schmeichelt fast jeder Figur, betont die Weiblichkeit. Doch es ist nicht fränkisch. Trotzdem tragen es vor allem junge Frauen gerne auch zu fränkischen Festen. Warum eigentlich? Haben wir Franken denn keine eigene Identität? Keine eigene Tracht? Wo wir doch sonst so viel Wert auf den Unterschied zwischen Bayern und Franken legen. Bei der Tracht haben wir unsere Herkunft vergessen.

Jammerschade. Das findet auch Birgit Jauernig. Sie ist Trachtenberaterin im Bezirk Oberfranken. Und sie will die fränkische Tracht zurück in den fränkischen Alltag bringen. Selbst setzt sie ihr Vorhaben schon um. Die studierte Volkskundlerin trägt gerne eine Mischung aus moderner Mode und traditioneller Trachtenkleidung. Ihr heutiges Outfit: Hose und Bluse sind Mode von heute. „Mein Mieder aber ist das Wunsiedler Mieder, dessen Schnitt fast authentisch mit dem des Vorbilds im Fichtelgebirgsmuseum in Wunsiedel ist“, erklärt Jauernig. Oben drüber komplettiert eine schwarze Samtjacke mit silbernen Knöpfen ihr modernes Trachtenoutfit. Wie das Mieder ist auch die Samtjacke ein extra für sie geschneidertes Unikat.

Jauernig leitet seit 1999 das Bauernmuseum in Frensdorf (Landkreis Bamberg) und hat 2003 die Stelle der Trachtenberatung für den Bezirk Oberfranken übernommen. In Würzburg studierte sie vorher Volkskunde, Kunstgeschichte und Geschichte. Als Trachtenberaterin verbindet sie gewissermaßen Wissenschaft und Mode. „Ich habe mich schon während meines Studium aus wissenschaftlicher Sicht mit dem Thema Tracht befasst“, sagt Jauernig.

Später, als sie der Liebe wegen nach Bamberg zog, schlüpfte sie selbst mal in eine Festtagstracht der Fränkischen Schweiz. „Da kam mir der Gedanke: ,Darf ich das überhaupt? Habe ich als Unterfränkin das Recht, eine Tracht der Fränkischen Schweiz zu tragen?‘“. Und so kam in ihr die Idee auf, sich mit den unterschiedlichen Trachtenschnitten der verschiedenen fränkischen Regionen zu beschäftigen.

Dabei stellte sich schnell heraus, dass es keineswegs die eine fränkische Tracht gibt – nicht mal eine einheitliche oberfränkische Tracht. „Das liegt daran, dass die verschiedenen Regionen in Oberfranken so unterschiedlich geprägt waren: Bamberg war katholisch, Bayreuth und Coburg protestantisch“, erklärt Jauernig. Unterschiede gab es beispielsweise bei der Kopfbedeckung, den sogenannten Hauben. Aber auch die Mieder- und Jackenschnitte waren von Region zu Region, manchmal sogar von Ort zu Ort unterschiedlich.

Einige kleine Gemeinsamkeiten aber gab es auch: Die Röcke waren sich sehr ähnlich, Knöpfe haben gerade bei Männerjacken eine große Rolle gespielt und an den Miedern und Röcken gab es häufig verspielte Details, wie Ziernähte oder Satinbänder, die kunstvoll an den Miederausschnitt genäht wurden.

Wie kunstvoll, das weiß Sandra Scharf aus eigener Erfahrung. Denn sie schneidert – mit Hand und Maschine – fränkische Trachten. Die 27-Jährige Modedesignerin lebt und arbeitet in Ansbach. Sie ist die Designerin des noch recht jungen Trachtenlabels „Berghexe“. „Die Entwicklungsgesellschaft der mittelfränkischen Region Hesselberg hat 2002 ein Trachtenprojekt gestartet, das auch von der Region Mittelfranken gefördert wurde, um die mittelfränkische Tracht wiederzubeleben“, erklärt Scharf.

Das Ziel dieses Projektes war es, moderne Trachten zu entwerfen, die typische Merkmale der historischen mittelfränkischen Tracht aufweisen und die Tracht so wieder in den Alltag zu integrieren. Scharf bewarb sich für die Stelle der Designerin. Und dank ihrer Ausbildung – sie ist staatlich geprüfte Modedesignerin und hat eine klassische Schneiderlehre erfolgreich absolviert – war sie die perfekte Wahl.

Dennoch: Es ist kein leichtes Unterfangen, eine Mode wiederzubeleben, die erstens kaum mehr getragen wird und zweitens mit dem partytauglichen Dirndl eine starke Konkurrenz hat. Daher ist auch der Name des Modelabels „Berghexe“ mit Bedacht gewählt. „Die Berghexe ist ein in Franken vorkommender Schmetterling, der vom Aussterben bedroht ist“, erklärt Scharf. Und so wie das Tier beschützt werden sollte, soll auch die Tracht als Kulturgut bewahrt werden.

Soweit die Theorie. Aber wie sieht das in der Praxis aus? „Trachtenerneuerung“ nennt sich dieses Vorhaben. „Etwas, das man in Bayern und Österreich mit dem Dirndl sehr gut umgesetzt hat“, sagt Birgit Jauernig von der Trachtenberatung Oberfranken. Und was in Bayern klappt, soll unter anderem Dank des Modelabels „Berghexe“ auch in Franken Realität werden.

Sandra Scharf legt viel Wert auf die fränkischen Elemente ihrer Kreationen. „Ich versuche traditionelle Elemente der fränkischen Tracht mit modernen Schnitten und Stoffen zu kombinieren“, erklärt die Designerin. Doch bevor die junge Frau ihre erste Tracht schneiderte, las sie sich in das Thema ein, informierte sich über die Schnitte und typischen Elemente der fränkischen Tracht. „Und ich musste mich nochmal hinsetzen und neue Techniken erlernen“, sagt Scharf. Dazu gehörten etwa typische Zierelemente, wie das sogenannte Froschmäulchen, die nur von Hand genäht werden können. Diese Liebe zum Detail hat Sandra Scharf gerade erst eine Auszeichnung beschert: Sie erhielt bei der internationalen Branchenleitfachmesse „Tracht & Country“ in Salzburg den Newcomer-Award 2017. Aufgrund der Handarbeit kann ein Kleid, vom ersten Entwurf bis zum fertigen Stück, gut und gerne zwischen 25 und 40 Stunden Arbeit bedeuten. Ihre Stoffe erhält Scharf vorwiegend aus Deutschland und Österreich. Und ihre Kundinnen? „Die meisten Kundinnen sind entweder Bräute oder Frauen ab zirka 40 Jahren, die sich ein besonderes Stück gönnen möchten.“

Auch Birgit Jauernig von der Trachtenberatung Oberfranken berät Privatleute, die Interesse an einer modernen fränkischen Tracht haben. „Ich stelle dann den Kontakt zu Schneiderinnen aus der Region her, die dann gemeinsam mit mir und dem Kunden ihre Tracht entwerfen“, erklärt Jauernig. Doch nicht nur Privatleute kommen zu ihr nach Frensdorf. So lassen sich auch Vereine wie Blaskapellen, die Tracht auftreten, beraten. „Und auch Lokalpolitiker lassen sich bei uns beraten und von einer unserer Schneiderinnen beispielsweise eine Trachtenjacke schneidern.“ Jauernig ist es bei ihrer Beratung wichtig, nicht zwanghaft an alten Schnitten festzuhalten. „Ich empfehle viel mehr, mit Kreativität an die Sache heranzugehen und Schnitte zu nutzen, die sich bewährt haben.“
Neben der Beratung und Vermittlung an Schneiderinnen bietet die Trachtenberatung in Oberfranken und Trachtenfortbildungskurse an. „Wir bieten Nähkurse an sowie Kurse, in denen bestimmte für das Erstellen einer Tracht nötige Techniken, wie das Sticken, erlernt werden können“, erklärt Jauernig.

Außerdem organisiert das Bauernmuseum in Frensdorf den Oberfränkische Trachten- und Spezialitätenmarkt. In diesem Jahr findet der Markt am Samstag, 13. Mai von 13 bis 19 Uhr und am Sonntag, 14. Mai von 10 bis 18 Uhr statt (Mehr unter www.trachtenberatung-oberfranken.de). „Die Aussteller bieten unter anderem Stoffe, Knöpfe, Hüte und Accessoires an“, sagt Jauernig. Man kann sich vor Ort beraten lassen und traditionelle textile Techniken zeigen lassen. Der Eintritt kostet 2,50 Euro, Kinder und Jugendliche können den Markt kostenlos besuchen. ❤

Fotos: Anna Schoberth